Totensonntag

Was auf das Leben folgt, deckt tiefe Finsternis;
Was uns zu tun gebührt, des nur sind wir gewiß.
Dem kann kein Mißgeschick, kein Tod die Hoffnung rauben.
Der glaubt, um recht zu tun, recht tut, um froh zu glauben.

Immanuel Kant

Die Uhr
Johann Gabriel Seidl

Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir,
wieviel es geschlagen habe, genau seh ich an ihr.  

Es ist ein großer Meister, der künstlich ihr Werk gefügt,
wenn gleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt.  

Ich wollte, sie wäre rascher gegangen an manchem Tag,
ich wollte sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.

Sie schlug an der Wiege des Kindes, sie schlägt, wills Gott, noch oft,
wenn bessre Tage kommen, wie meine Seel  es hofft.  

Und ward sie auch manchmal träger, und drohte zu stocken ihr Lauf,
so zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.  

Doch stände sie einmal stille, dann wärs um mich geschehn –
Kein  andrer, als der sie fügte, bringt die Zerstörte zum Gehen.

In manchen Leiden und Freuden, im Sturm und in der Ruh,
was immer geschah im Leben, sie pochte den Takt dazu.  

Sie schlug am Sarge des Vaters, sie schlug an des Freundes Bahr,
sie schlug am Morgen der Liebe, sie schlug am Traualtar

Dann müßt ich zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,
wohl draußen, jenseits der Erde, wohl dort in der Ewigkeit!  

Dann gäb ich sie ihm zurücke mitdankbar kindlichem Flehn:
„Sieh, Herr, ich hab nichts verdorben, sie blieb von selber stehn.“