Émile Zola
 
(* 2. April 1840 in Paris; † 29. September 1902 in Paris) war ein französischer Schriftsteller und Journalist.

 


Die Frau herrscht durch Bitten, durch Befehle der Mann. Sie, wenn sie will - er, wenn er kann.

Das Gelübde einer Sterbenden

(Auszug aus dem Roman)

Ich habe ein einsames und thränenreiches Leben gehabt," sagte sie. "Dies muß ich Ihnen sagen, damit Sie meine Aengste begreifen. Sie kennen mich nur als eine Glückliche; ich war in Ihren Vorstellungen eine Göttin, die aller Paradieseswonnen teilhaftig sein müßte. Ach, ich bin nur ein armes Weib, das lange Jahre hindurch schweren Kummer zu tragen hatte. Ich erinnere mich weinend der Freuden meiner Jugend. Eine wie schöne Kindheit habe ich in meiner Provence verlebt! Dann war ich auch stolz, wollte den Kampf ums Dasein tapfer bestehen, bin öfter mit blutendem Herzen aus diesem Kampf hervorgegangen.  
Ich heiratete einen Mann," fuhr sie fort, "den ich nicht auf die Dauer lieben konnte und der mich bald der Einsamkeit meiner Mädchenzeit wiedergab. Ich mußte als
meinem Herzen Schweigen gebieten. Mein Mann nahm die Gewohnheiten seines Junggesellenlebens wieder auf. Ich kam nur bisweilen bei Tische mit ihm zusammen und wußte, daß sein ganzer Lebenswandel eine fortwährende Beleidigung meiner Frauenwürde war. 


Sie sind jetzt noch ein Kind und meine Worte flößen Ihnen Schrecken ein. Aber als Mann werden Sie sich einst ihrer erinnern und dann werden Sie inne werden, was einer Frau für Leiden widerfahren können, und was ich von Ihrer Aufopferungsfähigkeit erwarte."  

Sie haben mein Töchterchen gesehen, meine arme Jeanne, die eben dort spielte. Sie ist kürzlich sechs Jahr alt geworden und ich gehe von hier, ohne sie zu kennen, ohne zu wissen, ob sie den Keim des Glücks oder des Unglücks in sich trägt. Diese Ungewißheit verdoppelt meine Leiden und macht mir den Tod furchtbar. Denn indem ich das Kind allein zurücklasse, quält mich der Gedanke, daß es ihr vielleicht gehen wird wie mir: aber wer weiß, ob sie den Schlägen des Schicksals denselben Mut entgegensetzen wird, wie ich!"  
Ehedem," hob sie wieder an, "lebte ich der süßen Hoffnung, daß ich immer um sie sein, daß ich an dem Glück ihrer Zukunft arbeiten und ihr Herz
"Nun  unterweisen würde. Dann, als ich den Tod herannahen fühlte, sah ich mich nach Jemand um, der an meiner statt diese Rolle bei ihr übernehmen sollte, aber ich habe Niemanden gefunden. Meine Eltern sind

 

 Ich lebte mit meiner Tochter von der Welt abgeschieden in meinen Zimmern, wie in einem Kloster, und gelobte, daß ich hinfort mein Leben darin zubringen wollte. Manchmal indessen empörte sich mein ganzes Sein und es kostete mir viele geheime Seelenqualen, um heiter und glücklich zu scheinen."  
Ich erzähle Ihnen eine traurige Geschichte," fuhr sie in ihrem sanftesten Tone fort, "und weiß nicht einmal, ob Sie mich richtig verstehen. 
Aber Sie müssen mir verzeihen, denn mein Mund thut sich von selbst auf. Ich beichte Ihnen wie einem Priester, und ein Priester hat kein Alter, er ist nur eine Seele, die eine andre anhört.

 tot und wie hätte ich zu einer Freundin
kommen sollen, bei dem einsiedlerischen Leben, das ich geführt habe? Mein Mann hat nur noch eine Schwester und die lebt in einem Taumel von Vergnügen, so daß Jeanne nichts Gutes bei ihr lernen würde. Was aber meinen Mann selber betrifft, so denke ich nur mit Schrecken daran, was aus meiner Tochter werden würde, wenn sie ihm in die Hände fiele. Gerade gegen ihn will ich das Kind verteidigen."

werden Sie also gemerkt haben, worin Ihre Aufgabe bestehen soll. Wachen Sie über meine Tochter, seien Sie sozusagen ihr Schutzengel."