Octavio Paz  (Mexiko)
Octavio Paz (* 31. März 1914 in Mixcoac, heute Mexiko-Stadt; † 20. April 1998 Mexiko-Stadt) war ein mexikanischer Schriftsteller und Diplomat.

 

1914-1998

Ich weiß nicht, ob die Geschichte sich
wiederholt: Ich weiß nur, daß die Menschen sich wenig ändern.







Ein Erwachen

Tief im Traum war ich eingemauert.
Die Wände drunten hatten weder Härte
noch Gewicht: Nur die Leere dort war lastend.
Die Mauern waren Stunden, und die Stunden
eine erstarrte, aufgetürmte Schwere:
die Zeit in diesen  Stunden war nicht Zeit.
Ich sprang durch eine Bresche: vier Uhr war es
auf dieser Welt. Das Zimmer war mein Zimmer,
und auf sämtlichen Dingen war mein Spukbild.
Ich war nicht da. Ich schaute aus dem Fenster:
Unterm Elektrolicht nicht eine Seele.
Schnee, der schon angeschmutzt, erloschne Häuser,
Masten, schlafende Autos und die tapfere
Schar von Eichenbäumen, ragende Gerippe.
Schwarze und weiße Nacht; und die Konturen
der unlesbaren Sternbilder, erschimmernd
über der Nacht; der Wind und seine Messer.
Ich schaute, nicht die Welt, sondern ihr Schweigen:
Verhalten ist das Sein in seiner Fülle.
Mit den Augen, begrifflos staunend, sah ich
die Anwesenheit, da, auf leerer Straße.
Anwesend, körperlos. Mit meinen Augen.
Ich sah zurück: das Zimmer war mein Zimmer,
und ich war nicht darin. Nichts fehlt dem Sein.
Die Frühe und das Spiel der Dämmerlichter.
Schon verblaßten die Sternbildschwärme droben.

Zwei Körper


Zwei Körper Stirn an Stirn  

sind manchmal Wellen,  
und die Nacht ist Meer.
 

Zwei Körper Stirn an Stirn  
sind manchmal zwei Steine,  
und die Nacht ist Wüste.

Zwei Körper Stirn an Stirn  
sind manchmal Wurzeln,  
in der Nacht verschlungen.
 

Zwei Körper Stirn an Stirn  
sind manchmal Klingen,  
und Blitze die Nacht.
 

Zwei Körper Stirn an Stirn:  
zwei Sterne, die  
in einen leeren Himmel fallen.