William Shakespeare
(* 23. April 1564 in Stratford-upon-Avon; † 23. April 1616 ebenda (Datum des seinerzeit in England noch geltenden 
julianischen Kalenders, Sterbedatum nach dem in den katholischen Ländern, später auch in England eingeführten gregorianischen Kalender
 wäre der 3. Mai 1616) gilt als einer der größten Dichter und Dramatiker der Weltliteratur.



Wenn alle Leute nur dann redeten, wenn sie etwas zu sagen haben, würden die Menschen sehr bald den Gebrauch der Sprache verlieren.

Die Sonetten

(I) Herr meiner Liebe, dem ich untertan,
Dem alle meine Dienste sind zu eigen,
Darf ich mich dir mit diesen Blättern nahn,
Dir meine Pflicht, nicht meinen Witz zu zeigen?
Pflicht, die so groß, daß mit so wenig Geist
Sie nackt und dürftig scheint, um dir zu danken,
Doch hoffe ich, daß du der ärmsten leihst
Huldvoll das Kleid der eignen Gedanken.
Bis daß der Stern, der meines Lebens Zeichen,
Mit holdem Schein sich freundlich zu mir kehrt,
Des Bettlers Liebe ein Gewand zu reichen,
Das würdig deiner Neigung mich bewährt:
Dann ist zu prahlen meinem Herz erlaubt,
Doch bis dahin verhülle ich mein Haupt.


( II )Blick' in den Spiegel, mahne dein Gesicht:
Ein Abbild ihm zu geben, kam die Zeit,
Sonst machst du aller Hoffnungen zunicht,
Zerstörst den Traum von Mutterseligkeit.
Wo ist die Jungfrau, deren spröder Schoß
In Keuschheit deinem Wunsche widerstrebt,
Und wo der Tor, der gerne kinderlos
In sich das Grab der Eigenliebe gräbt?
Der Mutter Spiegel bist du, der das Glück
Des eignen Mais in deinem sich erneut,
So durch des Alters Fenster sieht dein Blick
Einst eines Kindes goldne Frühlingszeit.
Doch lebst du fort, läßt keine Spuren hier,
Stirbst einsam du, dein Bildnis stirbt mit dir

 

 

 

 

 

( III ) Den höchsten Wesen ,wünschen wir Gedeihn,
Auf daß der Rose Schönheit nie verdorrt,
Doch muß des Tods die reife Blüte sein,
So pflanz' ein Erbe ihr Gedächtnis fort.
Du lebst nur dir, der Schönheit Selbstgenuß,
Schürst eignen Glanz, der dich verzehrend scheint,
Schaffst Hungersnot statt reichen Uberfluß,
Grausam dir selbst gesinnt, dein eigner Feind.
Heut bist du noch der frische Schmuck der Welt,
Der einz'ge Herold für des Frühlings Reiz,
Doch wenn dein Schatz in einer Blüte fällt,
Wird zur Verschwendung, süßer Filz, dein Geiz.
Hab' Mitleid, birg nicht überreiche Gabe,
Der Welt Anrecht, in dir und in dem Grabe.

( III )Es hüllt sich meine Muse fromm in Schweigen,  
Wenn andre Sänge, voll der reichsten Pracht,  
Mit goldner Feder Huldigung dir zeigen,  
Mit Phrasen, die die Musen selbst erdacht.  
Ich fühle wohl, was andre geben kund,  
Und ,,Amen" gleich dem Mesner tönt mein Ruf  
Bei jeder Hymne, die der Meister Mund  
In edler Form zu deinem Lobe schuf.  
 
,,'s ist wahr", sag ich, ,,so ist's", wenn sie dir singen,  
 
Und hätte gern noch manches zugetan,  
Doch in Gedanken nur, die zu dir dringen,  
 
Wenn Worte stocken, ihnen weit voran.  
. Der Rede Schwall sei dir bei andern wert,  
Bei mir das Herz, das schweigend sich erklärt.