Die Polin Wislawa Szymborska wurde am 2. Juli 1923 in Bnin, heute ein Stadtteil von Kórnik, bei Posen geboren. Marcel Reich-Ranicki über sie: „Sie ist die namhafteste Dichterin ihres Landes, deren sehr durchdachte, ironische Lyrik etwas in Richtung der philosophischen Lyrik tendiert.“




Lächelnd, zur Hälfte einander umarmend, versuchen wir, die Harmonie ausfindig zu machen
obwohl wir einander so unähnlich sind wie zwei Tropfen klaren Wassers.





Was die Wirklichkeit verlangt

Liebe Damen, meine Herren,
was verlangt die Wirklichkeit?

Die Wirklichkeit verlangt,
dass man auch darüber spricht:
Das Leben geht weiter.
Es tut's bei Cannae und bei Borodino
und auf dem Kosovo Pole und in Guernica:

Es gibt eine Tankstelle
auf dem kleinen Platz in Jericho,
frisch gestrichene Bänkchen
am Fuß des Weißen Berges.
Briefe werden befördert
von Pearl Harbour nach Hastings,
am Auge des Löwen von Chäronea
fährt ein Möbelwagen vorbei,
und den blühenden Gärten bei Verdun
nähert sich eine nur atmosphärische Front.

Es gibt so viel von Allem,
dass das Nichts recht gut bedeckt bleibt.
Von den Yachten bei Aktium dringt Musik,
und auf den Decks tanzen Paare in der
Sonne.  

 

Es geschieht ständig so viel,
dass überall etwas geschehen muß.
Wo Stein auf Stein liegt,
dort belagern auch Kinder
den Icecreamwagen.

Wo Hiroshima war,
dort ist wieder Hiroshima,
und die Herstellung vieler Gegenstände
des täglichen Gebrauchs.

Nicht ohne Reize ist diese schreckliche Welt,
nicht ohne Morgen,
für die es aufzuwachen lohnt.

Und die Moral - wohl keine,
Das, was wirklich ist, ist das schnell getrocknete Blut,
und immerzu Flüsse, Wolken.

Auf den tragischen Paßstrassen
reißt der Wind den Hut vom Kopf,
und so ist's nun mal -
ein Anblick zum Lachen.  

 

 

 

 

Leben im Handumdrehen

Leben im Handumdrehen.
Aufführung ohne Probe.
Körper ohne Bewährung.
Schädel ohne Bedacht.

Ich kenne die Rolle, die ich spiele, nicht.
Ich weiß nur, sie ist unauswechselbar, mein.

Was das Stück soll, werde ich erst auf der Bühne erraten.

Dürftig gerüstet für den Ruhm des Lebens,
ertrage ich das mir aufgezwungene Tempo der Handlung mit Mühe.

Ich improvisiere, obwohl mich das Improvisieren ekelt.
Ich stolpre auf Schritt und Tritt über die Sachunkenntnis.
Mein Sosein riecht nach Provinz.
Meine Instinkte sind Dilettantismus.
Das Lampenfieber, das mich rechtfertigt, demütigt mich um so mehr.
Die mildernden Umstände finde ich grausam.  
Nicht rücknehmbar sind die Worte und Gesten,
die Sterne nicht zählbar,

und der Charakter, wie ein Mantel, im Laufen zu Ende geknöpft –
das sind die kläglichen Folgen der Eile.

Übt man wenigstens rechtzeitig einen Mittwoch
oder man wiederholte wenigstens einen Donnerstag!
Aber schon naht der Freitag mit dem mir fremden Szenario
Ist das in Ordnung – frag ich
(mit heiserer Stimme,
denn nicht mal hüsteln durfte ich hinter den Kulissen)?

Es täuscht der Gedanke, die Prüfung sei beiläufig nur,
im provisorischen Raum zu bestehen. Nein.
Ich steh vor den Dekorationen und seh, wie solide sie sind.
Die Präzision verschiedener Requisiten fällt auf.
Der Drehmechanismus funktioniert seit geraumer Zeit.
Sogar die entferntesten Nebel sind angezündet.
Kein Zweifel, es ist Premiere.
Und was ich auch tue,
verwandelt sich ein für alle Mal in das, was ich tat.